Home / Allgemein / Von DJ’s und solchen, die es noch werden wollen

Von DJ’s und solchen, die es noch werden wollen

15.03.2011 | Keine Kommentare

Liebes Tagebuch!

Wenn man die neue Publikums-Generation in den Clubs und Diskotheken heutzutage fragt was sie später mal werden wollen, hört man immer öfter eine Antwort: DJ. Newcomer DJ’s vermehren sich wie die Karnickel, es vergeht kaum ein Monat, in dem ich nicht mindestens ein, zwei neue Namen auf Flyern, Presseaussendungen oder Facebook-Events lese. Einerseits eine durchaus wünschenswerte Entwicklung – aber immer öfter sehr zum Leidwesen der Partys und deren Besucher an sich.

Als ich mit 14 Jahren angefangen habe aufzulegen waren das noch andere Zeiten. Keine CDs, keine mp3’s, kein Beatport, keine Tutorials, kein Youtube. „Learning by doing“ war angesagt! Es gab wenig bis kaum Möglichkeiten an die Playlists oder Charts der großen Stars heranzukommen. Und wenn doch, waren da so viele Whitelabels (unveröffentlichte Platten) dabei, das unsereins gar keine Chance hatte an die Platten ran zu kommen. Darüber hinaus war es ein Ding der Unmöglichkeit vor dem 17. oder 18. Lebensjahr überhaupt in Clubs mit Headlinern zu kommen. Logische Konsequenz: Man musste sein eigenes Ding machen, seinen eigenen Stil entwickeln und auf seinen eigenen Musikgeschmack vertrauen.

Früher mussten wir uns Platten kaufen – 20 Mark pro Platte, im Schnitt. Man(n) musste sich als Schüler mit Taschengeld und seltenen Ferialjobs also sehr gut überlegen, welche Platte man kauft und welche nicht. Und wenn eine Platte dann mal den Weg ins Case gefunden hat, dann wurde sie teilweise auch ein Jahr gespielt. Die Qualität der Musik war also noch eine ganz andere – heutzutage laden die jungen DJ’s mp3’s in teilweise minderwertiger Qualität von irgendwelchen Blogs, weil man selbst für die 2 €, die ein gutes mp3 kostet, zu geizig ist. Die daraus resultierende Kurzlebigkeit der Musik interessiert keine Sau – es kostet ja nichts, wenn’s doch nicht gefällt kann man’s ja wieder löschen. Es wird also gesaugt was das Zeug hält – was übrig bleibt, wird mal eben auf ne CD gebrannt und ohne sich wirklich mit der Materie auseinander zu setzen in irgendwelchen Clubs gespielt.

Früher war das so: Man hatte ein bestimmtes Kontingent an Platten und mehrere Stunden, die man in den Clubs spielen musste. Es war also zwangsläufig von absoluter Notwendigkeit sich Gedanken darüber zu machen, wann man welche Platte spielt, man musste ja nen ganzen Abend über auskommen. Die Hits also zu Beginn des Abends zu trällern, um schon im Warmup den Macker raushängen zu lassen war ein absolutes no-go – es heißt ja nicht umsonst „Warmup“. Genau das vermisse ich bei den meisten Nachwuchs-Plattendrehern: Das Gefühl, welche Platte wann passt, und welche nicht – weil es schlicht an Erfahrung und Interesse fehlt. Alle wollen draufhauen, die Prime-Time spielen & einen auf Rockstar machen – ohne eine Ahnung von Tuten und Blasen zu haben. Lorbeeren muss man sich erst verdienen – auch, oder vor allem in diesem Job.

Viele der Jungen DJ’s haben also kaum Erfahrungswerte, keine Ahnung von Musik, nehmen sich nicht die Zeit sich als DJ’s zumindest technisch die Basics anzulernen, spielen nach 3 Monaten schon auf den ersten Parties von Freunden, technisch unter jeder Kritik und musikalisch wie die größten Säue, und wundern sich dann, warum sie keine Props bekommen! „Der Angello oder Axwell hat das aber auch gespielt!“ – ja klar, vor 40.000 Leuten bei der Sensation oder auf der Miami Winter Music Conference, als Headliner zur absoluten Top-Zeit und nicht um 23h in nem 500-Leute Club als Vorprogramm zu einem zweitklassigen Deutschen Act!

Ein bisschen Nachdenken, Respekt gegenüber dem DJing per se, Weiter- bzw. Fortbildung rund ums DJ-Dasein und mehr Verständnis für Musik wäre angebracht. Niemand braucht Plagiate oder DJ’s, die den Sinn diese Jobs nicht erkannt haben. Man lässt ja auch keinen Kfz-Azubi nach den ersten 5 Praxisstunden das Getriebe an nem Ferrari warten oder einen Koch-Azubi den Hauptgang im Fabio’s kochen.

DJing ist nicht nur ein Job, bei dem es darum geht das eigene Ego zu befriedigen weil man anders keine Mädels abbekommt, nicht in den Club kommen würde oder sich die Drinks nicht leisten kann - es ist eine Kultur, es ist Entertainment, es ist eine Leidenschaft. Das Publikum bezahlt dafür, am Abend musikalisch bestmöglich unterhalten zu werden und die Veranstalter bezahlen dich als DJ dafür, das du die Party rockst – und solange man dem nicht genüge tun kann, sollte man bestmöglich die Finger davon lassen.

Bis bald.

Antwort schreiben 56950 Aufrufe gesamt, 1 Aufrufe heute  

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu schreiben.